Von Anne Vorbringer (Berliner Zeitung vom 16. August 2005)
Oft sind die drei Damen aus dem Bundestag nicht zusammen in ihrer WG. Nicolette Kressl (46), Lydia Westrich (55) und Barbara Hendricks (53) sind Abgeordnete, alle in der SPD-Fraktion. Nicolette Kressl ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende für Bildung und Frauen, Lydia Westrich arbeitet im Finanzausschuss und Barbara Hendricks ist Staatssekretärin im Finanzministerium. Wegen des Regierungsumzugs vom Rhein an die Spree leben sie seit vier Jahren während der Sitzungswochen in Berlin. Kennen gelernt haben sich die drei schon in Bonn, als sie im Finanzausschuss arbeiteten. "Dieser Ausschuss ist nicht gerade eine Frauendomäne. In unserer Fraktion waren wir die einzigen", sagt Nicolette Kressl. "Das schweißt zusammen." In Berlin im Hotelzimmer zu wohnen, kam nicht in Frage: "Wir wollten uns ein Ersatz-Zuhause schaffen, es uns hier gemütlich machen."
Die 180 Quadratmeter große Altbau-Wohnung in Tiergarten hat Parkettfußboden und Stuck an den Decken. Die großen, schweren Zimmertüren stehen meistens offen. Allabendlicher Treffpunkt ist die Wohnzimmer-Couch. In Bademantel und Hausschlappen werden die "Tagesthemen" geschaut. "Wir diskutieren immer über die Beiträge. Meistens bekommen wir nach dem ersten Thema schon nichts mehr von der restlichen Sendung mit", sagt Lydia Westrich. Eine von ihnen kann ganz sicher berichten, dass sie bei diesem Ausschuss oder in jener Sitzung dabei war. Dann wird bei Rotwein und Zigaretten der Tag ausgewertet. "Wir lästern natürlich über den einen oder anderen Kollegen, aber wir suchen auch gemeinsam nach Problemlösungen", sagt Barbara Hendricks. Dies sei die wichtigste Funktion der WG, in der "höchstens mal über die Herkunft von gutem Wein" gestritten wird. Schließlich seien sie Politikerinnen, also gewohnt, andere zu überzeugen.
In den sitzungsfreien Wochen, den parlamentarischen Ferien und an den Wochenenden fliegen die drei in ihre Wahlkreise, wo Familie und Freunde leben. Für Nicolette Kressl geht's nach Baden-Baden, für Lydia Westrich nach Pirmasens in der Pfalz und für Barbara Hendricks nach Kleve am Niederrhein.
"Die typischen WG-Streitpunkte fallen bei uns nicht an", sagt Nicolette Kressl. Gekocht wird fast nie, und es gibt eine Spülmaschine. Alle zwei Wochen macht eine Putzfrau von der Kreuzberger Agentur Putzmunter sauber. "Frau Sägebrecht kommt seit Jahren, sie kennt jede Ecke", sagt Lydia Westrich und schaut um sich. Da ist wirklich kein Krümel am Boden, kein Staub auf dem Regal.
Die morgendliche Badezimmernutzung wird am Abend vorher eingeteilt. "Ich gehe oft schon gegen sechs Uhr", sagt Nicolette Kressl, "weil ich früh weg muss und lange brauche." Barbara Hendricks nickt: "Dann komme ich dran und Lydia geht zuletzt." Gemeinsames Frühstück "heißt bei uns, mit Kaffeetasse durch die Wohnung zu rennen". Damit die Mitbewohnerinnen bei der Arbeit nicht verhungern, schmiert Nicolette Kressl Brote. Sie geht auch einkaufen und wirft abgelaufene Lebensmittel weg. Und sie hat die Macht über die Fernbedienung an den Fernsehabenden.
Nicolette Kressl, MdB
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